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Moderne Kunst: was sie ist, wann sie begann und wie man sie anschaut

Moderne Kunst ist die Kunst der rund hundert Jahre zwischen den 1860er- und den 1960er-Jahren, in denen Malerinnen, Maler und Bildhauer nach und nach jede Regel infrage stellten, die bis dahin für Kunst gegolten hatte. Aus dieser Zeit stammen das blaue Pferd, das schwarze Quadrat und das Urinal im Museum. Wer verstehen will, warum das alles Kunst sein soll, kommt mit ein paar Jahreszahlen und etwas Geduld beim Hinschauen erstaunlich weit.

Was moderne Kunst ist

Moderne Kunst bezeichnet die Kunst der Moderne, also die Strömungen ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts, die sich von der akademischen Malerei mit ihren Historienbildern, Porträts und idealisierten Akten lösten. Was sie verbindet, ist eher eine Haltung als ein Stil. Ein Bild musste nicht mehr abbilden, wie die Welt aussieht, es durfte zeigen, wie der Künstler sie sieht, fühlt oder denkt, oder am Ende gar nichts mehr abbilden.

Im Alltag nennt man gern alles modern, was nicht nach Rembrandt aussieht, Fachleute trennen da genauer. Moderne Kunst meint die Epoche bis etwa in die 1960er-Jahre, zeitgenössische Kunst die Kunst seither bis heute, also die Arbeiten lebender oder kürzlich gestorbener Künstlerinnen und Künstler. Ein Bild von Picasso ist demnach moderne Kunst, eine Installation von Anne Imhof zeitgenössische. Manche Museen tragen die Unterscheidung schon im Namen, etwa die Pinakothek der Moderne in München oder der Hamburger Bahnhof in Berlin, der offiziell Nationalgalerie der Gegenwart heißt.

Wann die moderne Kunst begann und endete

Als Beginn der modernen Kunst gilt meist das Jahr 1863, als in Paris der Salon des Refusés Werke zeigte, die die offizielle Jury abgelehnt hatte. Dort hing Édouard Manets „Frühstück im Grünen“, eine nackte Frau zwischen zwei angezogenen Männern beim Picknick, und das Publikum war empört. Nackte Frauen kannte es aus jedem Salon, aber dort waren es Göttinnen und Nymphen, und Manets Frau saß da ganz offensichtlich als Pariserin des Jahres 1863.

Ein klares Enddatum gibt es nicht. In den meisten Darstellungen läuft die Moderne in den 1960er-Jahren aus, als Pop Art, Minimal Art und Konzeptkunst die Frage stellten, ob es überhaupt noch ein Werk aus der Hand des Künstlers braucht. Danach spricht man von Postmoderne oder einfach von Gegenwartskunst.

Was uns beim Blick auf diese Zeit am meisten verblüfft, ist das Tempo. Zwischen der ersten impressionistischen Gemeinschaftsausstellung 1874 und dem ersten völlig gegenstandslosen Gemälde lagen keine vierzig Jahre. In keiner Epoche davor hat sich die Kunst so schnell und so grundsätzlich verändert.

Die wichtigsten Strömungen der modernen Kunst

Die moderne Kunst besteht aus einer Folge von Bewegungen, die sich überlappten, gegenseitig befeuerten und oft heftig voneinander abgrenzten. Elf davon muss man kennen, um sich in einem Museum zurechtzufinden.

  • Impressionismus, ab 1874. Claude Monet, Berthe Morisot und Auguste Renoir malten Licht und Augenblick statt Geschichte und Mythos, mit sichtbaren Pinselstrichen und im Freien.
  • Postimpressionismus, um 1885 bis 1905. Paul Cézanne zerlegte Landschaften in Flächen, Vincent van Gogh machte Farbe zum Ausdruck von Gefühl, Paul Gauguin vereinfachte Formen.
  • Expressionismus, ab 1905. Die Brücke in Dresden und der Blaue Reiter in München malten mit Farben, die nicht der Natur folgten, und Formen, die bewusst verzerrt waren.
  • Kubismus, ab 1907. Pablo Picasso und Georges Braque zeigten einen Gegenstand von mehreren Seiten zugleich. Picassos „Les Demoiselles d'Avignon“ gilt als Startschuss.
  • Futurismus, ab 1909. Italienische Künstler um Filippo Tommaso Marinetti feierten Geschwindigkeit, Maschinen und Großstadt.
  • Abstraktion, ab etwa 1910. Wassily Kandinsky malte die ersten Bilder ohne Gegenstand, Kasimir Malewitsch stellte 1915 sein „Schwarzes Quadrat“ aus, Piet Mondrian reduzierte alles auf Linien und Grundfarben.
  • Dada, ab 1916. Im Zürcher Cabaret Voltaire antworteten Künstler auf den Ersten Weltkrieg mit Unsinn, Collagen und Provokation. Marcel Duchamp reichte 1917 ein gekauftes Urinal mit dem Titel „Fountain“ als Kunstwerk ein.
  • Bauhaus, 1919 bis 1933. Die Schule in Weimar, Dessau und Berlin verband Kunst, Handwerk und Industrie und prägt Architektur und Design bis heute.
  • Surrealismus, ab 1924. Salvador Dalí, René Magritte und Max Ernst malten Träume und das Unbewusste, angeregt von Sigmund Freud.
  • Abstrakter Expressionismus, ab den 1940er-Jahren. In New York tropfte Jackson Pollock Farbe auf am Boden liegende Leinwände, Mark Rothko malte große, schwebende Farbfelder.
  • Pop Art, ab den 1950er-Jahren. Andy Warhol und Roy Lichtenstein holten Suppendosen, Comics und Filmstars ins Museum.

Von oben nach unten gelesen, ergibt die Liste eine erstaunlich klare Richtung. Erst lösten sich die Künstler von der Geschichte, dann vom genauen Abbild, dann vom Gegenstand überhaupt, und am Ende stellten sie infrage, ob ein Kunstwerk von Hand gemacht sein muss.

Was typisch für moderne Kunst ist

Typisch für moderne Kunst ist, dass sie das Wie wichtiger nimmt als das Was. Ein Bild handelt oft nicht mehr in erster Linie von seinem Motiv, sondern von Farbe, Form, Material oder vom Sehen selbst.

Ein paar weitere Merkmale ziehen sich durch fast alle Strömungen. Die Künstler experimentierten mit neuen Materialien, mit Collage, Fundstücken und Industrieprodukten. Sie gründeten Gruppen und schrieben Manifeste, in denen sie ihre Ziele verkündeten, vom Futuristischen Manifest 1909 bis zum Surrealistischen Manifest von André Breton 1924. Und sie suchten bewusst den Bruch, oft auch den Skandal, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Und diese Kunst war international, lange bevor das Wort in Mode kam. Paris war bis in die 1930er-Jahre das Zentrum, wohin Künstler aus Spanien, Russland, Deutschland und Italien zogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm New York diese Rolle, auch weil viele europäische Künstler vor den Nationalsozialisten dorthin geflohen waren.

„Das kann mein Kind auch“: wie man moderne Kunst anschaut

Moderne Kunst erschließt sich leichter, wenn man aufhört zu fragen, was ein Bild darstellt, und stattdessen fragt, was es mit einem macht. Der berühmte Satz vom Kind, das das auch könnte, trifft fast nie zu, und selbst wenn, ist er keine Antwort.

Natürlich kann ein Kind Farbe auf eine Leinwand tropfen lassen, Pollock dagegen hat über Jahre eine Technik entwickelt, bei der jede Bewegung des ganzen Körpers sichtbar wird, und er hat sie zu einer Zeit erfunden, als niemand so gemalt hat. Ähnlich ist es mit Malewitschs Quadrat. Das Bild selbst ist schnell gemalt, die Idee dahinter war 1915 aber eine Provokation, die ein ganzes Jahrhundert beschäftigt hat. Bei moderner Kunst zählt häufig der Moment, in dem etwas zum ersten Mal getan wurde, und den kann man nicht nachträglich wiederholen.

Beim nächsten Museumsbesuch helfen vier einfache Gewohnheiten.

  • Lange vor einem Bild bleiben statt viele schnell abzulaufen. Bei Rothko etwa verändert sich der Eindruck nach zwei, drei Minuten deutlich.
  • Erst schauen, dann das Schild lesen. Der eigene erste Eindruck ist wertvoll, und der Titel kann ihn hinterher bestätigen oder überraschen.
  • Nach dem Jahr fragen. Was 1910 radikal war, wirkt heute harmlos. Wer sich klarmacht, was damals sonst gemalt wurde, versteht den Mut.
  • Nicht alles mögen müssen. Selbst Kunsthistorikerinnen haben ihre Lieblingsbewegungen und ihre Langweiler. Es reicht, zu verstehen, was ein Werk wollte.

Wo man moderne Kunst in Deutschland sieht

In Deutschland zeigen mehrere große Museen bedeutende Sammlungen moderner Kunst, und mit den folgenden sechs kommt man schon sehr weit.

  • Pinakothek der Moderne, München. Eine der größten Sammlungen für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, dazu Design und Architektur im selben Haus.
  • Lenbachhaus, München. Die wichtigste Sammlung des Blauen Reiters, mit Kandinsky, Marc, Münter und Macke.
  • Neue Nationalgalerie, Berlin. Der Glasbau von Ludwig Mies van der Rohe zeigt Kunst des 20. Jahrhunderts, von Kirchner bis Barnett Newman.
  • Museum Ludwig, Köln. Bekannt für eine der größten Pop-Art-Sammlungen außerhalb der USA und eine große Picasso-Sammlung.
  • Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. Im K20 hängen Klee, Picasso, Kandinsky und Pollock.
  • Museum Folkwang, Essen. Eine frühe und bis heute starke Sammlung von Impressionismus und Expressionismus.

Alle fünf Jahre kommt dazu die documenta in Kassel, die 1955 vom Maler und Kurator Arnold Bode gegründet wurde, um der deutschen Öffentlichkeit nach dem Nationalsozialismus die moderne Kunst zurückzugeben, die vorher als „entartet“ verfemt worden war. Heute ist sie eine der wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst weltweit.

Häufige Fragen zur modernen Kunst

Was ist typisch für moderne Kunst? Typisch für moderne Kunst sind die Abkehr von der naturgetreuen Darstellung, kräftige oder ungewöhnliche Farben, vereinfachte und abstrakte Formen, neue Materialien wie Collage oder Fundstücke und der bewusste Bruch mit Regeln. Oft ist die Idee hinter einem Werk wichtiger als sein Motiv.

Wann war die moderne Kunst? Die moderne Kunst umfasst ungefähr den Zeitraum von den 1860er- bis in die 1960er-Jahre. Als Anfang gilt häufig der Pariser Salon des Refusés von 1863, als Ende die Zeit von Pop Art und Konzeptkunst.

Was ist der Unterschied zwischen moderner und zeitgenössischer Kunst? Moderne Kunst bezeichnet die Epoche der Moderne bis in die 1960er-Jahre, zeitgenössische Kunst die Kunst danach bis heute. Picasso, Kandinsky und Warhol gehören zur Moderne, Künstlerinnen und Künstler, die heute arbeiten, zur zeitgenössischen Kunst.

Welche Kunst ist gerade angesagt? Auf den großen Ausstellungen der letzten Jahre sah man auffällig viel figurative Malerei und Textilkunst, dazu raumgreifende Installationen und Arbeiten mit digitalen Medien und künstlicher Intelligenz. Was gerade angesagt ist, zeigen am besten große Ausstellungen wie die Biennale in Venedig oder die documenta in Kassel.