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Reiten lernen als Erwachsene: wie der späte Einstieg gelingt
Reiten lernen als Erwachsene oder Erwachsener hat einen schlechteren Ruf, als es verdient. Wer mit 35, 50 oder 65 anfängt, lernt im Sattel langsamer, im Kopf dagegen schneller als jedes Kind. Fast alle, die spät anfangen, stellen dieselben drei Fragen, nämlich wie lange es dauert, was es kostet und welche Reitschule mit erwachsenen Anfängern umgehen kann.
Warum Erwachsene anders reiten lernen als Kinder
Erwachsene lernen Reiten genauso gut wie Kinder, sie lernen es nur auf einem anderen Weg. Kinder sitzen locker im Sattel, weil sie über einen Sturz nicht lange nachdenken. Erwachsene denken nach, und genau das macht den Körper fest. Wer verkrampft, sitzt schlecht und hält sich am Zügel fest, das Pferd spürt den Zug im Maul sofort und wird unruhig. Schon ist man in einem Kreislauf, aus dem man allein schwer herauskommt.
Dafür haben Erwachsene etwas, das Kindern fehlt. Sie wollen wissen, warum eine Übung sinnvoll ist, und üben gezielter, sobald sie es verstanden haben. Wer weiß, dass das Pferd ein Fluchttier ist und auf feine Körpersprache reagiert, versteht schneller, warum ein ruhiger Atem mehr bewirkt als der Zügel. Eine gute Reitlehrerin nutzt das und erklärt mehr, statt nur Kommandos durch die Halle zu rufen.
Ein zweiter Unterschied ist die Zeit. Kinder reiten oft zweimal pro Woche und verbringen die Wochenenden im Stall. Erwachsene haben Beruf und Familie und schaffen meist eine Stunde pro Woche. Das verlängert den Weg, mehr nicht. Wer es von Anfang an einplant, ist nach drei Monaten auch nicht enttäuscht, wenn der Galopp noch wackelt.
Wie lange es dauert, bis man reiten kann
Mit einer Reitstunde pro Woche sitzen die meisten Erwachsenen nach etwa einem Jahr sicher in Schritt, Trab und Galopp in der Halle. Bis man auch im Gelände und auf einem unbekannten Pferd souverän ist, vergehen eher zwei bis fünf Jahre. Das klingt nach viel, heißt aber nicht, dass man bis dahin keinen Spaß hat. Der erste Trab ohne Festhalten fühlt sich nach ein paar Monaten schon wie ein kleiner Sieg an.
Der Weg hat in den meisten Reitschulen drei Stufen. Am Anfang steht die Longe. Die Reitlehrerin steht in der Mitte und führt das Pferd an einer langen Leine im Kreis, du musst weder lenken noch bremsen und kannst dich ganz auf Gleichgewicht und Sitz konzentrieren. Zehn bis zwanzig Longenstunden sind ein guter Richtwert, manchen reichen weniger. Danach folgen die ersten freien Stunden in einer kleinen Gruppe in der Halle, wo man Bahnfiguren, Tempowechsel und die Hilfen lernt, mit denen man dem Pferd sagt, was es tun soll. Erst danach kommen Ausritte ins Gelände, die für viele Erwachsene der eigentliche Grund waren, überhaupt anzufangen.
Ehrlich gesagt ist die Longe die Phase, die die meisten Erwachsenen zu früh verlassen wollen, weil sie sich nach Kinderkarussell anfühlt. Wer zu schnell frei reitet, hat noch keinen unabhängigen Sitz und zieht unbewusst am Zügel, ein Fehler, der sich später nur mühsam abtrainieren lässt. Unsere klare Empfehlung lautet deshalb, lieber fünf Longenstunden zu viel zu nehmen als eine zu wenig.
Woran man eine gute Reitschule für Erwachsene erkennt
Eine gute Reitschule für Erwachsene erkennt man an ruhigen Schulpferden und an einem Unterricht, der mit der Longe beginnt. Hochglanzfotos auf der Website verraten darüber wenig, eine halbe Stunde am Hallenrand vor der ersten Stunde dagegen fast alles.
Beim Probebesuch lohnt sich ein Blick auf sechs Dinge.
- Die Schulpferde wirken entspannt, sind gepflegt und stehen nicht den ganzen Tag allein in der Box. Gute Ställe haben Koppeln oder Paddocks.
- Es gibt Longenunterricht als Einzelstunde. Fehlt er, landen Anfänger sofort in der Gruppe, und das ist für Erwachsene selten eine gute Idee.
- Die Gruppen sind klein, vier bis sechs Reiterinnen und Reiter pro Stunde sind ein guter Wert. Bei zehn Pferden in der Halle bleibt für den Einzelnen kaum Aufmerksamkeit.
- Der Unterricht ist qualifiziert. Trainerinnen und Trainer mit Lizenz der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) oder eines anderen anerkannten Verbands haben eine geprüfte Ausbildung hinter sich.
- Es gibt Kurse für Erwachsene oder Wiedereinsteiger. Wer mit 45 zwischen zehnjährigen Mädchen reitet, fühlt sich schnell fehl am Platz, auch wenn das niemand sagt.
- Umgang mit dem Pferd gehört dazu. Putzen, Satteln, Trensen und Führen sollten Teil der Ausbildung sein und nicht vom Stallpersonal erledigt werden.
Bleibt der Ton. Wenn in der Halle geschrien wird und die Pferde mit angelegten Ohren laufen, solltest du dir einen anderen Stall suchen, egal wie günstig die Zehnerkarte ist.
Was Reiten lernen kostet
Reiten lernen kostet als Erwachsener je nach Region und Unterrichtsform etwa 100 bis 250 Euro im Monat, wenn man einmal pro Woche reitet. Rund um München, Hamburg oder Frankfurt zahlt man spürbar mehr als in der Uckermark oder im Emsland. Die Spannen unten sind deshalb nur grobe Richtwerte, ein Preisvergleich zwischen zwei, drei Ställen in der Nähe lohnt sich immer.
- Longenstunde, meist 30 Minuten Einzelunterricht, etwa 30 bis 50 Euro
- Gruppenstunde mit Schulpferd, etwa 25 bis 45 Euro, oft günstiger auf einer Zehnerkarte
- Einzelstunde mit Schulpferd, etwa 45 bis 80 Euro
- Vereinsbeitrag, wenn die Reitschule ein Verein ist, oft zwischen 100 und 300 Euro im Jahr, dafür sind die Stunden dann meist günstiger
Dazu kommt einmalig die Ausrüstung. Wer nach ein bis zwei Jahren mehr Zeit mit Pferden verbringen will, kann über eine Reitbeteiligung nachdenken. Man reitet dann ein bestimmtes Privatpferd an festen Tagen und beteiligt sich an dessen Kosten, häufig mit 80 bis 200 Euro im Monat. Ein eigenes Pferd ist für Anfänger keine Option, schon wegen der laufenden Kosten für Stall, Futter, Hufschmied und Tierarzt.
Ausrüstung für die erste Reitstunde
Für die erste Reitstunde brauchst du nur einen passenden Reithelm, feste Schuhe mit kleinem Absatz und eine Hose ohne dicke Innennähte. Viele Reitschulen verleihen Helme, sodass die erste Stunde fast ohne Anschaffung möglich ist.
Am Helm spart man nicht, alles andere darf fürs Erste aus dem Kleiderschrank kommen. Er muss nach der aktuellen europäischen Norm für Reithelme geprüft sein und fest sitzen, ohne zu drücken. Ein eigener Helm kostet etwa 60 bis 150 Euro und gehört zu den ersten Käufen, sobald klar ist, dass man dabeibleibt. Schuhe mit Absatz verhindern, dass der Fuß durch den Steigbügel rutscht. Turnschuhe sind deshalb tabu, Wanderschuhe mit grobem Profil ebenso, weil sie im Bügel hängen bleiben.
Später lohnen sich Reithose und Stiefeletten mit Chaps, also Ledergamaschen für die Unterschenkel. Zusammen kosten sie rund 100 bis 200 Euro. Für Ausritte im Gelände empfehlen viele Ställe zusätzlich eine Sicherheitsweste, die den Rücken bei einem Sturz schützt.
Gewicht, Fitness und Angst: worüber selten gesprochen wird
Drei Themen beschäftigen erwachsene Einsteiger weit mehr als Kinder, und gerade über sie schweigen sich die Prospekte der Reiterhöfe gern aus.
Gewicht. Viele Reitschulen nennen eine Obergrenze für das Reitergewicht, häufig zwischen 80 und 100 Kilogramm. Dahinter steckt Tierschutz, nicht Unhöflichkeit. Als Faustregel gilt, dass ein Pferd dauerhaft nicht mehr als etwa 15 bis 20 Prozent seines eigenen Gewichts tragen sollte, Sattel eingeschlossen. Wer schwerer ist, findet oft trotzdem einen Platz, etwa in Ställen mit kräftigen Kaltblütern, Haflingern oder Islandpferden, die für ihre Größe erstaunlich viel tragen. Fragen kostet nichts, und ehrliche Ställe antworten ehrlich.
Fitness. Reiten ist anstrengender, als es von der Tribüne aussieht. Nach den ersten Stunden spürt man an Oberschenkeln und Rumpf Muskeln, von denen man nichts wusste, vor allem die tiefe Rumpfmuskulatur, weil der Körper jede Bewegung des Pferdes ausgleichen muss. Wer vorher ein wenig Rumpf- und Gleichgewichtstraining macht, hat es im Sattel leichter.
Angst. Ein Pferd wiegt 500 Kilogramm oder mehr und kann erschrecken. Respekt davor ist gesund. Man sollte ihn nur offen ansprechen, bevor er sich als Verkrampfung im Sattel festsetzt. Gute Reitlehrer bauen Vertrauen langsam auf, etwa mit Bodenarbeit, bei der man das Pferd vom Boden aus führt und kennenlernt. Gerade ängstliche Erwachsene machen damit schnelle Fortschritte.
Reitabzeichen und Ziele ohne Turnier
Erwachsene Reiteinsteiger können ihre Fortschritte mit den Reitabzeichen der FN messen, ohne je ein Turnier reiten zu müssen. Das System ist in kleine Stufen gegliedert, und gerade die Einstiegsabzeichen sind ausdrücklich auch für Erwachsene, Wiedereinsteiger und reine Freizeitreiter gedacht. Neben dem Reiten wird dabei auch Wissen über Pferdehaltung und den Umgang mit dem Tier geprüft.
Ob man ein Abzeichen macht, ist Geschmackssache. Manche brauchen den Prüfungstermin als Anlass, gezielt zu üben, anderen reicht es völlig, am Sonntagmorgen sicher durch den Wald zu reiten. Wer sich für andere Reitweisen interessiert, findet auch im Westernreiten oder bei Gangpferden wie dem Islandpferd eigene Kurse für Erwachsene. Islandpferde sind bei Erwachsenen besonders beliebt, weil sie neben Schritt, Trab und Galopp den Tölt beherrschen, eine Gangart, in der man fast erschütterungsfrei sitzt.
Häufige Fragen zum Reiten lernen als Erwachsene
Wie lange braucht man als Erwachsener, um Reiten zu lernen? Mit einer Reitstunde pro Woche sitzen die meisten Erwachsenen nach etwa einem Jahr sicher in allen drei Grundgangarten. Bis man auch im Gelände und auf fremden Pferden souverän reitet, vergehen eher zwei bis fünf Jahre.
Kann man als Erwachsener noch Reiten lernen? Ja, Reiten lässt sich in jedem Alter lernen, auch mit 50 oder 60 Jahren. Entscheidend sind eine gute Reitschule mit ruhigen Schulpferden, Longenunterricht zum Einstieg und etwas Geduld, weil Erwachsene meist weniger Zeit im Stall verbringen als Kinder.
Ist es schwer, Reiten zu lernen? Die Grundlagen sind nicht schwer, brauchen aber Zeit. Die größte Hürde für Erwachsene ist meist nicht die Technik, sondern die Anspannung im Körper. Wer locker sitzen lernt, macht danach schnelle Fortschritte.
Ist Reiten ein teurer Sport? Reiten gehört zu den teureren Freizeitsportarten. Wer einmal pro Woche Unterricht auf einem Schulpferd nimmt, zahlt je nach Region etwa 100 bis 250 Euro im Monat. Ein eigenes Pferd kostet ein Vielfaches davon.
Wie wirkt sich Reiten auf die Figur aus? Reiten trainiert vor allem die tiefe Rumpfmuskulatur, die Oberschenkel und das Gleichgewicht, was sich positiv auf Haltung und Rücken auswirkt. Als reiner Kalorienverbrenner ist Reiten im Schritt und Trab aber weniger wirksam als Laufen oder Radfahren.