freizeitecho.

Freizeit · Gesellschaft

← Übersicht

10 Min.

Weihnachtsbaum: Ursprung eines Brauchs, der jünger ist als gedacht

Der Weihnachtsbaum hat seinen Ursprung am Oberrhein, im Elsass und im Südwesten des heutigen Deutschlands, wo seit dem späten 15. Jahrhundert Tannen zu Weihnachten aufgestellt wurden. Zum Brauch in fast jedem Wohnzimmer wurde er aber erst im 19. Jahrhundert. Und von den Geschichten, die jedes Jahr im Dezember über seine Herkunft die Runde machen, bleibt bei genauerem Hinsehen erstaunlich wenig übrig.

Germanen, Paradiesspiel, Wintergrün: was an den Ursprungsgeschichten dran ist

Die verbreitetste Erklärung für den Ursprung des Weihnachtsbaums führt zu den Germanen, die zur Wintersonnenwende Tannenzweige ins Haus geholt haben sollen. Das klingt plausibel, nur Belege gibt es dafür kaum. Der Volkskundler Georg Seiderer von der Universität Erlangen-Nürnberg hält die Rückführung auf keltische oder germanische Vorfahren für falsch. Die Deutung hat seiner Ansicht nach erst die Volkskunde des späten 19. Jahrhunderts in die Welt gesetzt, also genau die Zeit, in der der Baum in Mode kam.

Immergrüne Pflanzen galten tatsächlich in vielen Kulturen als Zeichen für Leben im Winter. Die Römer schmückten ihre Häuser zum Jahreswechsel mit Lorbeerzweigen, und auch im mittelalterlichen Europa hängte man zu Festen grüne Zweige auf. Von dort bis zur geschmückten Tanne im Wohnzimmer ist es aber ein weiter Weg, und die Zwischenschritte fehlen.

Näher dran ist der sogenannte Paradiesbaum. Der 24. Dezember war im Mittelalter der Gedenktag von Adam und Eva, und in Kirchen und auf Plätzen wurden Paradiesspiele aufgeführt, die vom Sündenfall erzählten. Dafür brauchte man einen Baum mit Äpfeln, und weil im Dezember kein Apfelbaum Blätter trägt, nahm man eine Tanne. Der Apfel am Paradiesbaum als Urahn der Christbaumkugel ist eine hübsche Geschichte. Lückenlos belegen lässt sie sich nicht, aber sie ist immerhin näher an den Quellen als die Germanen.

Die ersten Belege für einen Weihnachtsbaum

Die ältesten schriftlichen Hinweise auf Weihnachtsbäume stammen aus dem Elsass und vom Oberrhein und reichen ins späte 15. und frühe 16. Jahrhundert zurück. Fast immer geht es dabei um Bäume in Zunfthäusern, Spitälern oder Kirchen. Privatwohnungen kommen erst später ins Spiel.

  • 1419, Freiburg. Die Bäckerknechte des Heilig-Geist-Spitals sollen einen Baum mit Äpfeln, Nüssen und Lebkuchen behängt haben, den Kinder an Neujahr plündern durften. Die Jahreszahl steht in fast jedem Artikel zum Thema, die Quelle dahinter ist aber unsicher.
  • 1492, Straßburg. Rechnungen belegen, dass Tannen für die Weihnachtszeit gekauft wurden.
  • 1521, Schlettstadt. Ein Rechnungsbuch, das heute in der Humanistischen Bibliothek von Sélestat liegt, verbucht Geld für Förster, die ab dem Thomastag am 21. Dezember die Bäume im Wald bewachen sollten. Offenbar bedienten sich die Schlettstädter so großzügig im Stadtwald, dass man Wachen brauchte.
  • 1539, Straßburg. Für das Straßburger Münster ist ein Weihnachtsbaum belegt.
  • 1570, Bremen. Eine Zunftchronik beschreibt eine Tanne mit Äpfeln, Nüssen, Datteln, Brezeln und Papierblumen.
  • 1605, Straßburg. Ein Reisender beschreibt Tannenbäume in den Stuben, behängt mit Papierrosen, Äpfeln, Oblaten, Zuckerwerk und Flittergold.

Spätestens mit der Straßburger Notiz von 1605 ist der Baum im Wohnraum angekommen, zumindest in wohlhabenden Haushalten einer Region. Den Streit, ob nun Freiburg, Schlettstadt oder Straßburg die Erfinderstadt ist, kann man sich deshalb sparen, denn der Baum tauchte an mehreren Orten am Oberrhein fast gleichzeitig auf.

Vom Zunfthaus in die Wohnstube

Im 17. und 18. Jahrhundert verbreitete sich der Weihnachtsbaum vor allem in protestantischen Familien und an Fürstenhöfen. In katholischen Gegenden stand an Weihnachten lange die Krippe im Mittelpunkt, und der Baum galt dort bis ins 19. Jahrhundert als evangelischer Brauch.

Zu dieser Zeit tauchen auch die ersten Kerzen auf. Berichte von Fürstenhöfen aus dem 17. Jahrhundert erwähnen Bäume oder Buchsbaumgestelle mit Lichtern, und für viele Familien blieben Kerzen noch lange ein Luxus. Bienenwachs war teuer, und ein Baum voller Kerzen war entsprechend auch eine Ansage an die Gäste.

Der Schmuck war in dieser Zeit essbar. Äpfel, Nüsse, Gebäck und Zuckerfiguren hingen an den Zweigen, und für Kinder war das Plündern des Baums nach den Feiertagen ein Teil des Festes. In manchen Gegenden lebt das als Christbaumplündern weiter, bei dem die Kinder Anfang Januar die letzten Süßigkeiten vom Baum holen.

Das 19. Jahrhundert macht den Baum zum Massenbrauch

Zum Brauch in fast jedem Haushalt wurde der Weihnachtsbaum erst im 19. Jahrhundert, getragen vom wohlhabenden Bürgertum in den Städten. Ein reich geschmückter Baum mit Kerzen, Bändern und Glanzpapier war dort auch ein Statussymbol.

Die Literatur half kräftig mit. In Goethes „Werther“ erinnert sich Lotte schon 1774 an einen aufgeputzten Baum mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln, und E. T. A. Hoffmann stellt 1816 in „Nussknacker und Mausekönig“ einen Weihnachtsbaum mitten in die Berliner Bürgerstube. In Wien gilt ein Baum im Salon der Bankiersfrau Fanny von Arnstein im Jahr 1814 als erster sicher belegter.

Den Sprung in katholische Regionen schaffte der Baum endgültig im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. In Lazaretten und Quartieren wurden Weihnachtsbäume aufgestellt, und Soldaten aus Bayern oder dem Rheinland brachten den Brauch mit nach Hause. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis auch katholische Kirchen einen Baum neben die Krippe stellten.

Ins Ausland reiste der Weihnachtsbaum im Gepäck von Fürsten und Auswanderern. In England machte ihn Prinz Albert, der aus Sachsen-Coburg stammende Mann von Königin Victoria, populär. Ein Stich der königlichen Familie um einen geschmückten Baum aus dem Jahr 1848 wurde massenhaft nachgedruckt. In die USA brachten ihn deutsche Einwanderer, belegt ist etwa ein Baum des Professors Karl Follen 1832 in Cambridge, Massachusetts.

Aus dieser Zeit stammen auch die großen öffentlichen Bäume. Am Rockefeller Center in New York steht seit den 1930er-Jahren jedes Jahr eine riesige Fichte, und Oslo schickt London seit 1947 einen Baum für den Trafalgar Square, als Dank für die britische Hilfe im Zweiten Weltkrieg. Dass ein Brauch aus Straßburger Stuben einmal zur diplomatischen Geste werden würde, hätte sich 1605 wohl niemand vorgestellt.

Tannenbaum, Christbaum, Weihnachtsbaum: drei Namen für einen Brauch

Wie man den Baum nennt, verrät ziemlich zuverlässig, woher man kommt. In Bayern, Österreich und weiten Teilen des Rheinlands sagt man Christbaum, im Norden und in der Mitte eher Weihnachtsbaum oder einfach Tannenbaum. Gemeint ist überall dasselbe, und die Botanik nimmt es dabei ohnehin nicht genau, denn die beliebteste „Tanne“ ist heute zwar eine echte Tanne, die frühere Standardfichte war es nie.

Auch das bekannteste Lied zum Baum ist jünger, als viele denken. „O Tannenbaum“ geht auf ein altes Volkslied zurück, in dem die Tanne noch als Bild für Treue in der Liebe stand. Der Leipziger Lehrer Ernst Anschütz machte daraus 1824 das Weihnachtslied, das heute jedes Kind kennt, und erst damit wurde die Tanne auch im Lied zum Weihnachtsbaum.

Kugeln, Lametta, Lichterkette: woher der Schmuck kommt

Der heutige Christbaumschmuck ist größtenteils eine Erfindung des 19. Jahrhunderts und stammt zu einem guten Teil aus Deutschland. Sobald er sich billig herstellen ließ, verschwanden Äpfel und Nüsse nach und nach von den Zweigen.

  • Christbaumkugeln kommen aus dem thüringischen Lauscha, wo Glasbläser ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hohle Glaskugeln herstellten, angeblich zuerst, weil sich ärmere Familien keine echten Äpfel und Nüsse leisten konnten. Lauscha liefert bis heute.
  • Lametta wurde ab 1878 in Nürnberg hergestellt, ursprünglich aus dünn ausgewalztem Metall, und sollte Eiszapfen nachahmen.
  • Elektrisches Licht brachte 1882 Edward Johnson, ein Mitarbeiter Thomas Edisons, in New York an einen Weihnachtsbaum. In deutschen Wohnzimmern setzten sich Lichterketten erst nach dem Ersten Weltkrieg durch, Wachskerzen blieben aber noch Jahrzehnte üblich.

Wer heute noch echte Kerzen an den Baum steckt, pflegt also eine ziemlich alte Tradition, die die Feuerwehr jedes Jahr mit gemischten Gefühlen sieht.

Der Weihnachtsbaum heute

In Deutschland werden jedes Jahr mehrere Dutzend Millionen Weihnachtsbäume verkauft, im Jahr 2020 waren es nach Branchenangaben rund 29 Millionen. Etwa vier von fünf davon sind Nordmanntannen, die nicht so schnell nadeln wie die früher übliche Fichte und deshalb die Rotfichte fast vollständig verdrängt haben.

Die meisten Bäume wachsen heute auf eigenen Plantagen, vor allem im Sauerland, das als größtes Anbaugebiet Europas gilt. Mit dem Schlettstädter Stadtwald, in dem 1521 Förster gegen Baumdiebe Wache hielten, haben sie wenig gemein. Der Brauch selbst ist dagegen erstaunlich stabil geblieben, rund 500 Jahre nach den ersten Belegen.

Häufige Fragen zum Ursprung des Weihnachtsbaums

Welches Land gilt als Ursprung des Weihnachtsbaums? Der Weihnachtsbaum stammt aus dem deutschsprachigen Raum, genauer aus dem Elsass und vom Oberrhein. Die ältesten Belege kommen aus Straßburg und Schlettstadt im heutigen Frankreich, das damals zum Heiligen Römischen Reich gehörte.

Was hat der Christbaum mit Jesus zu tun? Eine direkte Verbindung gibt es nicht. Der Baum geht vermutlich auf den Paradiesbaum der mittelalterlichen Krippenspiele zurück, der an Adam und Eva erinnerte. Die Deutung der Lichter als Symbol für Christus und des immergrünen Baums als Zeichen für ewiges Leben kam erst später hinzu.

Warum stellt man sich an Weihnachten einen Baum ins Wohnzimmer? Der Brauch entstand im 16. Jahrhundert am Oberrhein und verbreitete sich im 19. Jahrhundert über das städtische Bürgertum. Ein geschmückter Baum war damals Festschmuck, Geschenkort für die Kinder und auch ein Zeichen von Wohlstand.

Wie lange sollte man den Weihnachtsbaum stehen lassen? Traditionell bleibt der Weihnachtsbaum bis zum Dreikönigstag am 6. Januar stehen. In katholischen Gegenden lassen ihn manche Familien bis Mariä Lichtmess am 2. Februar stehen, mit dem früher die Weihnachtszeit endete.